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Lesematerialien

Uwe Findeisen / Gisela Melenk

Gestaltungsformen von Lesematerialien als Lesehilfen

Vorbemerkung

Die gängige Vorstellung über den Prozess des Lesenlernens besagt, dass das Lesen als Entschlüsselung grafischer Zeichen mit dem Ziel der Sinnentnahme zu verstehen sei, und dass dieser Prozess wesentlich durch die Sinnerwartung gesteuert werde. Nun lernen sicher viele Kinder mit dem nach diesem Erfahrungsansatz gestalteten Lesetexten das Lesen. Was ist aber mit den Kindern, die mit der Leseerwartung und ihrer Phantasie nicht zum korrekten Lesen kommen? Was ist, wenn Kinder ihre Sinnerwartung nur an einem Teil eines Wortes prüfen und z. B. ein mit Sch beginnendes Wort gleich mit dem bekannten Wort Schule identifizieren? Was ist mit Kindern, die stockend lesen und durch dieses unmelodische Lesen nicht zu einer Sinnentnahme kommen? Für diese Kinder kann die Leseerwartung nicht das Lesen steuern. Sie müssen erst zu einer Lautgestalt des Wortes kommen, die es ermöglicht, dieses mit ihrem aktiven Wortschatz zu vergleichen, und so den Sinn zu erfassen. Ausgangspunkt der Fragestellung ist daher das Problem, wie bei leseschwachen Kindern die Wortgestalt in eine melodische Sprachgestalt übertragen wird und welche Gestaltungsformen bei Wörtern, Sätzen und Texten als Lesehilfe zur leichteren Erfassung der melodischen Sprachgestalt und damit der Sinnerfassung dienen können.

Die Alphabetschrift ist eine Lautschrift und der Sinn an die Lautgestalt gebunden

Wenn man vom Lesenlernen spricht, dann ist unbestritten, dass es um den Sinn geht, der beim Lesen erfasst werden soll. Sätze so zu drucken, dass nach einem Sinnschritt eine neue Zeile beginnt, gilt als die wichtigste optische Hilfestellung, die das Lesen von Sätzen und Texten erleichtert. Betrachtet man aber, wann Sinnerfassung beim Lesen beginnt, so muss man beim einzelnen Wort ansetzten. Schon das Lesen einzelner Wörter enthält alle Qualitäten eines sinnerfassenden Lesens, und es stellt sich auf dieser Ebene die Frage, wie beim Lesen z.B. des Wortes Sonne die Sinnerfassung optisch unterstützt werden kann.

 

Verdeutlicht wird das durch folgende Phänomene. Kinder erlesen auf einer bestimmten Stufe ihres Lernprozesses die Wörter in sogenannten Vorformen: aus Sonne wird So: ne:. Oder es wird die Silbengrenze falsch erfasst. Man kennt das Wortbeispiel Blu-men-to-pfer-de. Es ist die Stufe der alphabetischen Strategie, der Lautentschlüsselung ohne direkte Bedeutungserfassung. Erst nachträglich wird versucht, dem Wort die Lautgestalt zu geben, die es dem Sinnverständnis zugänglich macht: Blumen-topf-erde (vgl. Scheerer-Neumann 1990, S. 111). Oder Kinder setzen das Wort in eine ihrem eigenen Verständnis passende Form: aus Wal wird Wwa: Wa: l gelesen und dann Walfisch gesagt. Ebenso sind die Leseweisen bekannt, in denen ein Wortteil erlesen wird und der Rest geraten wird.

Die lesen lernenden Kinder müssen die Zeichen als Laute und deren Reihenfolge als melodisches Wort sprechen, um ihnen eine verstehbare Form zu geben. In der gesprochenen Vorform aber fehlt das Melodische, wie die obigen Beispiel zeigen. Bosch hebt diesen Gesichtspunkt hervor: „In der Schrift wird von dem Musikalischen des Einzelwortes abgesehen, es kommt nicht zum sichtbaren Ausdruck, vielmehr stehen die einzelnen Wörter gleichgewichtig nebeneinander, und auch die musikalische Komponente der Sprachsatz-Gestalt tritt nicht in Erscheinung. So ist das Schriftbild von einer gewissen abstrakten Armut.“ (Bosch 1984, S. 111) Die Kinder erlesen daher eine Wort-Vorgestalt, die nach dem Erlesen durch die lautliche Modulation in eine Form gebracht wird, in der dann das Aha-Erlebnis der Sinnerfassung stattfindet. Die Sinnerfassung beim Lesen von Wörtern ist also an die melodische Lautung gebunden.

 

Bosch formuliert daraus die Aufgabe: „Derjenige Leseunterricht erfüllt offenbar seine Aufgabe am besten, der das Kind methodisch befähigt, in möglichst kleinem Sprung von der Vorgestalt zur lebendigen Sprachgestalt zu gelangen.“ (Bosch 1984, S. 80)

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