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Lesematerialien

Die Augenbewegung wird funktional für die Lautgestalt entwickelt

Wenn Kinder zum Lesen einen gleichen Text vorliegen haben, dann kann man dennoch nicht davon ausgehen, dass sie alle das Gleiche sehen. Alle Leser bewegen ihr Auge von einer Fixation mit einem Sprung (Sakkade) zu einer neuen Fixation, aber bei langsamen Lesern sind die Blickziele anders als bei guten. Sie zeigen Schwankungen in der Schnelligkeit der einzelnen Fixationszeiten, Ungenauigkeiten beim Treffen eines Blickziels und eine größere Unruhe bei der eigentlichen Fixation (vgl. Biscaldi/Otto 1993, S. 97). Drei Unterschiede, die man unmittelbar als Beobachter nicht wahrnimmt.

 

Was kann überhaupt das lesende Auge von einer Zeile erkennen? Das Sehzentrum, die Fovea, umfasst einen Durchmesser von 2 Winkelgrad, die das Zentrum umgebende Parafovea 4 Winkelgrad und die Peripherie ca. 20-25 Winkelgrad. Das Auge sieht wie ein gleichförmiger „Scheinwerfer“. Im Zentrum sieht es eine Anzahl von 5 bis 7 Buchstaben scharf, kann aber bei einer sinnvollen Wortfolge bis ca. 22 Buchstaben in einer Fixation erfassen. Eine Fixation dauert ca. 150-500 ms, abhängig von der Lesefertigkeit und dem Schwierigkeitsgrad des Textes. Bei einer sinnvollen Wortfolge übernimmt man also Informationen aus dem „Unschärfebereich“. Neben der Fixation gibt es das Zurückblicken, die Refixationen, dann wenn die Information nicht zu einem Verständnis ausreichte. Beim Textlesen finden weniger Refixationen statt als beim Lesen einer Wortliste, da die Kontextinformation des Textes die periphere Vorverarbeitung, das Worterkennen erleichtert (vgl. Nazir-Jacobs 1991, S. 47).

 

Außerdem gibt eine Asymmetrie des Sehens: man sieht links weniger Buchstaben als rechts. Diese Asymmetrie ist angelernt (vgl. Nazir-Jacobs 1991, S. 182). Hebräische Leser, die von rechts nach links lesen, haben eine Asymmetrie in die andere Richtung. Bei der Wahrnehmung von Einzelbuchstaben und Objekten schaut man dagegen symmetrisch. Das asymmetrische Lesen sucht also einen Blickpunkt bei Wörtern, der für das Lesen optimal ist. Dieser liegt links von der Wortmitte, also in einem Bereich, in dem der Wortanfang besser erfasst wird. Dieses für das Lesen charakteristische asymmetrische Sehen lässt sich damit erklären, dass eine Position gesucht wird, die die Sprechbarkeit des Wortes erlaubt. In der Regel sind das der Anfang oder die ersten zwei Silben eines längeren Wortes. Zugleich muss so viel Buchstabeninformation rechts gesehen und gedanklich zugeordnet werden, dass die Silben- und Wortübergänge fließend gesprochen werden können.

 

Da diese Bewegungsform von Fixation, Sakkaden, Refixation und der Ausrichtung in der Zeile keine natürliche ist, sondern gelernt wird, kann sie auch nicht bei allen Schülern vorausgesetzt werden. Langsame Leser haben eine Schweifbewegung von Auffälligkeit zu Auffälligkeit, häufige Refixationen, Verlust der Ausrichtung, die sich in Zeilensprüngen oder Wortsprüngen zeigen. Die Augenbewegung von Legasthenikern ist z. B. fast zufällig und ohne Reihenfolge und die Fixationen erfolgen in übermäßiger Anzahl (vgl. de Groot 1988, S. 390; Gutezeit 1994, S. 12).

 

Bei langsamen Lesern oder Legasthenikern ist die Augenbewegung nicht durch eine Beeinträchtigungen der Augenmuskulatur bedingt. Sie ist eher wie eine fehlgerichtete Wahrnehmung anzusehen. Behoben werden kann sie nur mit Leseübungen, da nur das Lesen eine Augenbewegung verlangt, die durch die Führungstätigkeit der Lautsprache gelenkt wird. Erst wenn ein Wort lautlich und damit sinnverstehend erfasst ist, kann man der Augenbewegung die nächste Fixation freigeben. Für die Steuerung der Augenbewegung innerhalb des Wortes sind Informationen über die Abgrenzung des Wortes zum nächsten entscheidend (vgl. Müller/Heller 1990, S. 81). Im anderen Fall refixiert man oder schweift umher. Ein Blickbewegungstraining isoliert von der den Blick führenden Lautgestalt wird daher aufs Lesenlernen kaum Einfluss haben.

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