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Lesen lernen mit lauttreuen Leseübungen

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Erleichtert wird ein Leselernprozess, indem er bei der Wortwahl Rücksicht nimmt auf:

Durch die Auswahl lauttreuer Wörter für den Lesebeginn und ihre Gliederung nach der Betonung der Vokale, der Buchstabenkombinationen und der Silbengliederung wird die visuelle Gestaltung so ausgenutzt, dass sie den Übergang von der Schriftform in die Sprechform möglichst kleinschrittig anleitet.

1. Buchstaben, Silben und Wörter

Der erste Teil enthält nur Wörter mit langem Vokal, so dass die Mitlauthäufung im Wort nicht als Stolperstein das Erlernen des Silbensprechens stört. Erst werden Wörter mit offenen Silben gewählt (z. B. Do-se), die von ihrer phonologischen Analyse einfach sind. Isolierte Silbenübungen ergänzen das Wortlesen und bauen die phonologische Bewusstheit auf. Dann folgen Wörter mit einer offenen und einer geschlossenen Silbe (z. B. Na-gel). Erst in einem späteren Schritt folgen Wörter mit Mitlauthäufungen am Wortanfang (Bra-ten). Im zweiten Teil erscheinen die Wörter mit kurzem Vokal und damit auch die Mitlauthäufungen im Wort. Auch hier sind die Wörter nach bestimmten Segmenten sortiert und die Silbengliederung erleichtert die phonematische Differenzierung der Konsonanten. Die Sortierung der Mitlauthäufungen folgt der Systematik von Meinhold/Stock. (vgl. Meinhold/Stock, S. 176 ff)

a. Anlautstruktur

br pr pfr dr tr gr kr fr schr spr str
bl pl pfl     gl kl fl schl spl  
          gn kn        

b. Inlautstruktur

lb mb   rb    
lp mp   rp sp  
ld md nd rd    
lt mt nt rt st ft
lg   ng rg    
lk mk nk rk    
ls ms ns rs    

c. Auslaut mit zwei Konsonanten

mp   lp rp pf ft st kt
mt nt lt rt        
ms ns ls rs ps fs sk  
  nk lk rk        
mf nf lf rf        
  ng   rg        
  nz lz rz        
    lm rm        
    ln rn        
  nd ld rd        
      rg        

2. Wörter und Sätze

Bevor man Sätze lesen lässt, sollte man den Übergang vom Wort- zum Satzlesen anbahnen.

Noch auf der Stufe des Wort-für-Wort-Lesens wird durch die im Folgenden dargestellte Form über die Einzelwortbedeutung hinausgegangen und ein größerer Sinnzusammenhang dargestellt. Innerhalb der Wörter kann weiterhin die Silbengliederung benutzt werden. Die Wörter sind nach Wortgrenzen gut zu erfassen und durch den Zeilenstrich wird die Blickrichtung aufgebaut. Das Auge lernt von einem Wort zum anderen zu springen und sich die Bewegungsrichtung anzueignen. Die Ein-Wort-Zeile, Satztreppe und die Überschau-Zeile sind graphisch noch am einzelnen Wort orientiert:

Da Da         Da   ist
ist   ist            
der     der     der kleine  
kleine       kleine        
Tom.         Tom. Tom.    

Wenn diese Grundformen erlesen werden, wird durch Wortumstellungen die Zusammengehörigkeit von Teilaussagen, also von Sinnschritten, eingeübt.

Die Kinder In der Schule Lesen und Schreiben
lernen lernen lernen
in der Schule die Kinder die Kinder
Lesen und Schreiben. Lesen und Schreiben. in der Schule.

Ist der Leseprozess so stabil, dass die Wiederholungen von Satzgliedern nicht mehr notwendig sind, wird die Sinnschrittgliederung in jeweils neuen Sätzen angewandt. Die Sinnschrittgliederung im Satz erfolgt nach inhaltlichen Kriterien. Gleichzeitig entsteht eine formale Redundanzstrategie, eine Leseerwartung auf der Satzebene, die durch den grammatischen Zusammenhang bestimmt ist und neben den Wortarten und ihren Funktionen an den Beugungsformen ihren Zusammenhang erkennen lässt. (z. B.: dust). Die Kongruenzen, die sich an den Beugungsformen der Wörter zeigen, erleichtern das Lesen eines Wortes, weil man sich z.B. der Endungen durch die eigene Sprachkompetenz sicher ist. (vgl. Grissemann, 1986) Somit ist die Sprachkompetenz wieder ein Moment der Entwicklung einer umfassenden Lesestrategie. komm

Zur Sinnschrittgliederung wird bei Texten der Zeilenwechsel eingesetzt. Durch den Wechsel der Zeile nach einem Sinnschritt entsteht die Druckform des Flattersatzes. Zuerst werden sehr kurze Sinnschritte benutzt, später sind größere Bedeutungseinheiten ein Sinnschritt der Zeile. Eine Kombination von Silbengliederung und Sinnschritten an einem längeren Text – einer Kriminalgeschichte – beendet die lauttreuen Leseübungen.

Gleichzeitigkeit von Normaldruck und Silbendruck – Till Eulenspiegel und seine frechen Streiche – ein Lesebuch

Die Kinder, die an den lauttreuen Leseübungen die verschiedenen Strategien gelernt haben, können diese auch auf Texte anwenden, in denen der Wortschatz auch die Regelwörter mit Ableitungen, Dopplungen, Dehnungen usw. enthält. Das Lesebuch „Eulenspiegel und seine frechen Streiche“ (F. Findeisen, 2004) bietet zwei Gestaltungsformen an. Der Text ist einmal in Silben und Sinnschritten gegliedert und einmal ohne diese graphischen Hilfen gestaltet. So können die Kinder selbst entscheiden, welche Gestaltung ihrer Lesestrategie besser angepasst ist. Es ist nämlich eine Verwechslung, wenn Texte in der Form von Blocksatz und ohne Silben die kleinen Leser überfordern und dies ihnen als ein Problem ihres zu langsamen Lesens unterstellt wird, wo doch eine Teil des Problems an der „Textgestaltungsschwäche“ liegt. Durch die Gleichbehandlung der Kinder (gleiche Fibel, gleiche Lernzeit, gleiche Prüfungen) werden gerade die Unterschiede miterzeugt, die durch die Leistungskonkurrenz der schulischen Selektion gegen die langsamen Leser ausschlagen.

Zusammenfassend lässt sich aus dieser Problematik festhalten, dass die Feststellung eines vorhandenen Leseniveaus mit Hilfe quantitativer Maßstäbe (Lesezeit, Anzahl der Fehler) problematisch ist.

Zum einen berücksichtigen sie nicht die Arten der individuellen Lesestrategien, zum anderen zeigen die obigen Beispiele, wie die (quantitative) Leseleistung schwanken kann, abhängig von der Gestaltung der Texte.

Außerdem kann festgehalten werden, dass eine Leseförderung, die sich von „viel Üben“ leiten lässt, eher dazu angetan ist, Leselust in Lesefrust zu verwandeln, statt durch die vorher besprochenen Leselernstufen das Lesen als eine schrittweise zu erlernende Fähigkeit zu begreifen und danach diejenigen Schritte auszuwählen, die dem Kind das Erlebnis der ‚Machbarkeit’ verschaffen.

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