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Lesen lernen mit lauttreuen Leseübungen

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Lesen lernen mit lauttreuen Leseübungen

Augenbewegung, Sinnverständnis und Textgestaltung

Uwe Findeisen, Gisela Melenk

Im folgenden Beitrag wollen wir zuerst zeigen, welche Aussagekraft die Lesezeit für die Analyse des Leselernprozesses hat, dann ein Beispiel der Blickbewegung und ihrer Aussagekraft für das Lesen diskutieren und auf die kritischen Momente einer nur Teiltätigkeiten erfassenden Analyse des Leseprozesses hinweisen.

Im zweiten Teil werden die sich aus den Verknüpfungsregeln von Schriftwort und Sprachwort ergebenden Gestaltungsweisen für Lesematerialien gezeigt und an Beispielen der „Lauttreuen Leseübungen“ und des Lesebuchs „Till Eulenspiegel und seine frechen Streiche“ erläutert.

Auf Zeit lesen – aber was?

Drei Lesebeispiele, bei denen die Kinder jeweils Wörter oder Texte zuerst in der Form A und später in der Parallelform B gelesen haben, zeigen Unterschiede, die beachtenswert sind. Als Wortmaterial benutzten wir den Salzburger Lese- und Rechtschreibtest (SLRT), da er Parallelformen anbietet.

 

Philipp, 3. Klasse; er liest 11 zusammengesetzte Wörter, wie z. B. Schultasche und Faschingsfest. Es ergibt sich folgende Auswertung:

Form Lesezeit Zeit-PR Fehler krit. Wert Selbstkorrektur
A 45 s 10 3 3 2
B 20 s 41 – 50 2 3 0

(PR = Prozentrang. Der durchschnittliche Prozentrang liegt bei 25 – 75)

Ciara, 2. Klasse, 1. Hj.; sie liest den kurzen Text (ca. 30 Wörter).

Form Lesezeit Zeit-PR Fehler krit. Wert Selbstkorrektur
A 42 s 30 – 21 0 3 4
B 33 s 41 – 50 0 3 2

Justin, 2. Klasse, 1. Hj.; er liest die häufigen Wörter (30 Wörter)

Form Lesezeit Zeit-PR Fehler krit. Wert Selbstkorrektur
A 75 s 11 1 4 7
B 70 s 15 2 3 2

Es fällt auf, dass sich beim Lesen der Form B Besserungen in der Lesezeit, die mit Prozenträngen berechnet sind, zeigen und auch bei der Fehleranzahl und den Selbstkorrekturen positive Änderungen zu sehen sind. In einem Fall steigt die Fehlerzahl um 1 und die Zahl der Selbstkorrekturen sinkt um 5. Es soll hier nicht weiter die Statistik dargestellt werden. Die Frage ist, woher die Verkürzung der Lesezeit kommt. Was hat zwischen dem Lesen der Form A und der Form B stattgefunden? Mit den Kindern wurden keine übenden Verfahren oder eine schulische Leseförderung durchgeführt. In den drei Beispielen haben die Kinder die beiden Leseformen hintereinander gelesen, also in einem Zeitabstand von 1-2 Minuten. Die einzige Änderung war eine Gestaltungsänderung der Testvorlage durch uns. Die Form B haben wir in Silbenform umgeschrieben und diese den Kindern vorgelegt.

Die Silben-Vorlage, Schrift 16p, sah etwa so aus:

Wohn-zim-mer Tank-stel-le Frucht-saft
Kran-ken-schwes-ter Obst-stand Ein-kaufs-zet-tel
Staub-sau-ger Geld-ta-sche Berg-stei-ger
Selbst-be-die-nung Woh-nungs-schlüs-sel  

Wir haben hier also drei Beispiele von Änderungen des Lesens, die allein durch die Gestaltungsform hervorgerufen wurden. Die Silbenform der Wörter und auch eines Textes bewirkt bei den Kindern eine verbesserte Übertragung des visuellen Bildes von der schärfsten Stelle des Sehens, der Fovea (lat. ‚Grube‘) mit 2 Grad und damit ca. 5 – 6 Buchstaben, über die verschiedenen Hirnareale bis zur Artikulation, kurz gesagt vom Schriftwort zum Sprachwort.

 

Man kann davon ausgehen, dass durch die Silbenform in einem Wortbild die Sprechsegmente leichter wahrgenommen werden und bei der Nutzung der natürlichen Sprechweise, die silbenmäßig ist, diese Sprach-Form-Information das verbesserte Lesen ermöglicht.

 

Dass Kinder bei Wörtern, die auf Grund ihrer Länge nicht mit einer Fixation an der schärfsten Stelle des Sehens erfasst werden, und bei denen wegen des fehlenden Textbezuges auch nicht Wörter (15-20 Buchstaben) aus der Peripherie des Gesichtsfeldes zur Deutungsstrategie genutzt werden können, zur lautlichen und meist silbenweisen Aussprache übergehen, zeigt sich oft bei unserer Arbeit. Ein Beispiel dafür und auch dies wieder im Vergleich mit den Parallelformen: Dabei erlesen sogar einige Kinder der 2. Klasse zusammengesetzte Wörter, die für einen späteren Testzeitpunkt normiert wurden, schon mit dieser Strategie. (Um es beim Lesen zu erleichtern, schreiben wir im Weiteren die Lautform orthographisch und kursiv.)

Kay, 2. Kl., 1. Hj.    
Schultasche Farbkreide Marktfrau
Schultasche Far-k Markt-t-frau
  Farb-kreide  
Filzstift Bleistiftspitzer Rechtschreibheft
Fritz Blei-stift-spitzer Recht-schreib-heft
Fritz    
Filz-stift    
Briefkasten Turnstunde Faschingsfest
Brief-kas-ten Turn-schlüss Faschin-sings-fest
  Turn-stunde  
    2 Verlesungen
Hauptstraße Geburtstagskuchen 3 Korrekturen
Hauptstraße Ge-burts-tachs-kuchen Zeit: 45 s
     
Wohn-zim-mer Tank-stel-le Frucht-saft
Wohn-zimmer Tank stel-le Frucht-saft
     
Kran-ken-schwes-ter Obst-stand Ein-kaufs-zet-tel
Kran-ken-schwes-ter Obst-stand Ein-kaufs-zet-tel
     
Staub-sau-ger Geld-ta-sche Berg-stei-ger
Staub-sau-ger Geld-ta-sche Berg-s-tei-ger
     
Selbst-be-die-nung Woh-nungs-schlüs-sel 1 Verlesung
Selbst-be-die-gung Woh-nungs-schlüs-sel Zeit: 29 s

Bei den Wörtern in Wortform sucht der Leser die Segmente, die einer silbenmäßigen Sprechweise entsprechen, um sie zu verstehen. Die als Wortbild vorgegebenen Wörter werden in eine gegliederte und dem Wort nicht ansehbare Silbensprechweise übertragen. Nur die bekannten Wörter „Schultasche“ und „Hauptstraße“ werden sofort fließend gelesen.

 

Für den geübten Leser ein Beispiel zur Veranschaulichung; zwei Wörter aus Beipackzetteln von Medikamenten: Lesen Sie die Wörter laut vor und beobachten Sie dabei ihre Lesestrategie:

Sie werden feststellen, dass Sie sich bemüht haben, der langen Buchstabenkette durch Zerlegung in Silben Herr zu werden. Ähnlich geht es dem Leseanfänger.

 

Die Wörter in Silbenform dagegen sind im obigen Kasten für das Kind kein Problem, es liest schneller und mit nur einer Verlesung.

 

Eine andere Besonderheit zeigt sich im obigen wie im folgenden Beispiel. Es fallen bei einsilbigen Wörtern Silben und Wortsinn zusammen, so dass eine doppelte Information vorliegt: Sprechinformation (durch die Einsilbigkeit) und Inhaltsinformation (durch das Wortbild, dessen Bedeutung sofort in einer Sprechform gedacht/erinnert wird).